Alte Geschichten: Meine erste Hildegeschichte

Alte Geschichten: Meine erste Hildegeschichte

Ihr Lieben,

vor nicht all zu langer Zeit habe ich all meine alten Geschichten, Texte und Tagebücher entsorgt. Und mir vorgenommen, einige Geschichten, die mir sehr ans Herz gewachsen sind in größeren Abständen zu veröffentlichen.

Beim durchlesen wurde mir sehr bewusst, dass ich tatsächlich weiter in meinem Leben und meinem Schreiben gegangen bin.

Hilde war eine Zeitlang meine Lieblingsfigur. Und nun veröffentliche ich ihre Geburtsgeschichte. Damals überwog mein schwarzer Humor.

 

Putztag

„Eine Elfe!
Fließende Bewegungen!
Handtellergroß!
Fast dursichtig!
Schwirrende Flügel!“

von Heinz Segerwald, lyrischer Adel

 

Sie saß auf meinem Bücherregal, welches klein nd verstaubt in der dunklen Zimmerecke sein Dasein fristete. Es befanden sich dort nur ein Märchenbuch von Andersen, ein Duden, Ein Reiseführer und ein aufgeschlagenes „So benimmt man sich im Zug“-Buch.

Ich besorgte es mir, weil dieses Buch mir zuwinkte. Eigentlich betrete ich den kleinen Bahnhofskiosk nicht, aber an diesem Tag hatte ich eine Wartezeit von einer Stunde. Absichtslos, die Langeweile verbergend, schlenderte ich diesen Bahnhof entlang, vorbei an dem Restaurant, das einladend ausladend wirkte. Das Ziel war die Bank im Raucherbereich und wieder zurück.

Es hatte etwas anrührendes, wenn sechs Menschen sich innerhalb eines Quadrates aufhalten und begierig an ihren Glimmstängeln ziehen. Zufallsbegegnungen. Der Anzugsmensch neben einer Dame im Jogginganzu und die vier Teenager, verbunden in ihrer heroischen -und-wir-rauchen-doch-Haltung. Wahrscheinlich würden sie normalerweise großen Abstand einhalten. Also hat Sucht doch etwas verbindendes!

Ich drehte mich um und sah auf den Kiok. Erstaunlich, was sich dort im Schaufenster befand: Kleine rosa Muscheln, aufgegklebt auf einer Puppe, die eine Meerjungfrau darstellen sollte. Wer kauft soetwas?

Neben dieser Puppe stand der Ratgeber für das Behnehmen während der Zugfahrten. Das war mir neu. Knigge für Essen, Zugang in der Gesellschaft und für gewählten Ausdruck kannte ich. Aber wer brauchte einen Knigge für Bahnfahrten?

Ein unwirklicher funkelnder schien von diesem Buch auszugehen. Wie hüpnotisiert betrat ich den muffigen Laden und kaufte es mir. Noch völlig verwirrt und nicht ganz bei  Sinnen nahm ich meine Errungenschaft mit nach Hause. Einen benebelten Blick  warf ich noch hinein und legte den Ratgeber auf mein Regal. Dort wurde er vergessen.

Von Büchern halte ich im allgemeinen nicht soviel, lieber sehe ich fern oder höre Radio.

Mein Leben bestand aus festen Abläufen. Das Kaufen eines Ratgebers aus einer spontanen Laune heraus zählt zu meinem größten Abenteuer der letzten 15Jahre.

Mir gefiel mein Leben so. Ich wusste, was zu tun ist. Ich wusste was geschehen wird. Ich schätzte die gepflegten Abläufe: Ich bin Routine-Fan.

Montag: großer Putztag.

Dienstag: Pizza-Tag.

Mittwoch: Besuch in der Statdt und bei Tante Inggebort.

Donnerstag: Kegeln mit den Dorfmädels.

Freitag: Wohltätigkeitstag im Altenheit, betreuen von Frau Sägehuber.

Samstag: Zweiter Putztag.

Sonntag: Kaffeklatsch mi den Dorfmädels.

Das war mein Leben. Gespräche, die ich führte, drehten sich ums Wetter, Krankheiten und Dorfklatsch.

Und es war Montag. Ich ging, im Auftrage des Hausputzes, zum Bücherrregal und dann sah ich sie, die Elfe.

Buntschimmernd hell saß sie mit überkreuzten Beinen auf dem „So benimmt man sich Zug“-Buch. Sie schaute mir in die Augen. In ihrem Blick lag ein Versprechen auf Abenteuer, Aufregung und Sinnlichkeit. Ich könnte mit ihr gehen. Sie würde mir ihr Reich, ihre schillernde Welt zeigen. Mir könnten Könige begegnen. Und ich dürfte das Zaubern erlenen.

Sie streckte mir die Hände entgegen.

Zitternd ging ich rückwärts.

Meine Welt verlor an Konturen, verschwommen, löste sich auf.

Ich schien auf einer Blüte zu stehen, das Schloss der Elfe, die nun vor mir schwebte. Sie hinterließ Elfenstaub, der sich funkelnd auf mein Sofa legte, welches sich in einen sanften Hügel verwandelte.

In meiner Angst wusste ich, was zu tun war.

Mit meiner linken Hand zeigte ich auf mein rosa Alpenveilchen, welches auf der Fentserbank hinter der Elfe seine Wasserversorgung erwartete und fragte:“Die möchte ich mitnehmen, geht das?“

Überirdisch schön, das Lächeln, das mir die Elfe jetzt schenkte.

Erst jetzt nahm ich den Geruch wahr, überschäumend, süß und lebendig. Die Elfe verhieß mir, dass ich Hexen begegnen könnte; vielleicht könnte ich selber fliegen lernen? Morgens könnte ich im klaren Bach baden und mit den Nixen um die Wette schwimmen. Ausflüge zu den Luftschlössern oder eine Reise zum Mond wären mir möglich. Ein Leben wie im Traum, wunderbar und aufregend, lag vor mir. Ich brauchte nur zuzugreifen, die Hand, die sich mir bot, anzunehmen.

Die Elfe drehte sich zum Blumeentopf, meiner Richtungsanweisung folgend. Sie drehte mir ihren Rücken zu, so dass ich ihre Flügel sehen konnte.

Mit meiner rechten Hand griff ich zur Fliegenklatsche, die aufdem Tisch neben mir lag. Sie war noch nicht von dem Elfenstaub getroffen, zum Glück war sie noch klar und brauchbar.

Ich hob die Flliegenklatsche um einen gezielten Schlag auszuführen.

Niemand würde mich hindern, am Putzstag meine Bücher abzustauben!!!!!!!!!!!