Fühltraurig

Wenn ich abends auf meinem Sofa sitze, der Tag so richtig gut war, und in mich hineinfühle, treffe ich auf jemanden, den ich so nicht erwartet habe.

 

Es ist Fühltraurig. Wie ein weiter, warmer See. Und Denken stellt sich die Arme ausgebreitet davor. Es gibt doch keinen Grund traurig zu sein. Der Tag war toll. Es läuft doch alles, suggeriert Denken mir.

Und ich greife zum Brot und esse. Und ich rauche eine Zigarette. Und ich esse Käse. Kauen, ein weicher, sanfter Brei der beruhigt und den ich schlucke. Der Brei legt sich über den See  mit einer tröstenden Schicht.

Aber nun, nun möchte ich Fühltraurig näher kennen lernen. Wieso ist er überhaupt da? Immer, im Hintergrund. Denken versucht mich abzuhalten, aber diesmal springe ich an ihm vorbei, hinein in den warmen, dunklen See.

Es umhüllt mich eine Decke aus Tränen. Ungeweinten Tränen. Tänen, die mir gehören…..doch da sind auch andere, samtrote. Wer sind die? Woher kommen sie? Ich nehme eine in die Hand, spüre die pulsierende Wärme, die Trauer, die Traurigkeit….ungelebtes Leben. Aber nicht von mir. Das sind Tränen, ich damals aufgesammelt habe von anderen Menschen.

Ich schaue mich sorgsam um, spüre meine eigene Traurigkeit, die mich einhüllt und trotzdem nicht weinen läßt.

Eine tiefbraune Schatztruhe läßt mich fast stolpern. Dorthinein lege ich die roten Fremdtränen. Danke, das ihr da wart. Danke, das ihr mich schützen wolltet. Danke Euch, aber jetzt brauche ich Platz für mich.

Die Truhe schiebe ich vor die Tür, hinaus ins Leben. Dies ist mein Raum.

Weiter hinten ist ein springender Quell dunkler, geweinter Tränen. Er beginnt zu fließen, hinein in meine ungeweinten.

Und ich bin mitten drin, fühle, atme, rieche, schaue……das ist meins. Meine. Nichts, was ich nicht tragen könnte. Zum großen Teil alte, zerborstene Tränen, die nur in Erinnerung leben.

Ich verbeuge mich vor ihnen. Danke, danke das ihr da seid. Aber ich gebe Euch einen anderen Platz, eine Vitrine, dort kann ich Euch immer mal wieder betrachten. Ich brauche meinen Raum für die lebendigen Zeiten, für das jetzt.

Also räume ich sie ein, die zerborstenen, ungeweinten Tränen in eine schöne, schnörkelose Glasvitrine.

Und schaue mich um. Der See ist noch da, aber er ist klarer geworden. Die Tränen können fließen.

Dann tauche ich auf, sitze auf meinem Balkon und schreibe diesen Text. Die Sonne scheint, mein Kind spielt im Wohnzimmer.

Nichts passiert. Mein dickbelegtes Brot liegt unangerührt in der Küche.

Das esse ich, wenn Hunger sich meldet.


11 Gedanken zu “Fühltraurig

  1. … so ein ganz anderes – tiefgründigeres Erlebnis einer Tränenreise –
    sehr emotional ausschweifendes Gefühlsleben – in das man sich gut hineinversetzen kann –
    ähnlich wie mein angekratztes Seelenleben – das ich in den See versenkt habe – weit fort reisen lassen – es wirkte ..
    lg zum Palmsonntag die zuzaly 🙂

    Gefällt 3 Personen

  2. Ja, du nimmst die Gefühle an, so wie sie sich zeigen, und du siehst genau hin… ! Und du ergründest sie und fühlst sie – bis sie sich auflösen und einem anderen Gefühl Platz machen. Ich denke, das ist das beste, was man tun kann…!
    Alles Liebe, ❤ Hannah
    P.S. Ich maile dir bald wieder… momentan ist hier nur so ein Trubel (Familie, Kinder, Freunde…. alle hier in der Toskana) daß ich noch nicht zum Mailen kam. Jetzt fahren wir gleich alle ans Meer…
    Aber ich habe dich nicht vergessen und werde dir wieder schreiben – in aller Ruhe!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s