Mein philosophisches Wochenende

Am Wochenende traf sich der Philosophie-Kurs der Volkshochschule bei unserem Lehrer in seiner „Lernscheune“. Das machen wir jedes Semester mit größtem Vergnügen. Kann man sich vorstellen, dass es Leute gibt, die sich Samstag und Sonntag bei schönstem Wetter zwischen 10.00 und 17.00 Uhr die Zeit dazu nehmen? Ja, man kann.

Wir setzten uns mit kurzen Texten von Hegel auseinander. Hegel ist so schwer, dass es für einen Menschen fünf Menschenleben bräuchte, sein Werk zu lesen und zu verstehen. Sagt unser Lehrer, der das gesamte Werk natürlich auch nicht im Original kennt, sich aber schon sein ganzes Leben mit seinem Lieblingsphilosophen auseinandersetzt. Ich hörte und staunte. Was für einen Sinn macht es, Bücher zu schreiben, die keiner versteht? Diese Frage stellt sich unter Philosophen schon mal gleich gar nicht.

Lehrers Hund, der auch Hegel heißt, und immer dabei sein durfte, war es egal, was sein berühmter Namensgeber so trieb. Manchmal saß Hegel auf einem eigenen Stuhl in unserer Runde und blickte schlau mal hierhin und mal dahin, bis es ihm zu langweilig wurde und er sich seine Streicheleinheiten von uns abholte.

Na gut, wir lasen kurze Texte, halfen uns gegenseitig zu verstehen und diskutierten fleißig darüber. Sehr schnell kamen wir (wie immer) zu uns selbst, zur Gegenwart und zu unseren eigenen Fragen. Die aktuelle politische Lage blieb natürlich nicht lange ausgeklammert und so hörte ich neue Meinungen und verglich sie mit Euren Kommentaren zu meiner Frage „Trotz alledem?“. Wir kamen zu dem Schluss, uns unbedingt Auszeiten zu nehmen, Nachrichten auszuwählen und unsere Lust am Leben nicht zu verlieren. Unser Lehrer sah die ganze Lage noch viel pessimistischer als ich und die Sorgen waren ihm anzumerken. Die Frage blieb im Raum, ob wir als Gruppe zukünftig etwas zu diesem Thema erarbeiten und irgendwie umsetzen wollen.

Alle hatten etwas zu Essen mitgebracht und so verbrachten wir eine sehr gemütliche, lustige Pause im großen Garten. Wir nahmen den Sommer wahr und genossen von ganzem Herzen.

Auch am Nachmittag blieben wir konzentriert, bildeten und vertraten unsere Meinungen und hörten den anderen zu. Es ging um die Frage „Die Wonnen der Ironie“- In diesen Zeiten? Ist Humor noch angebracht? Für mich war die Antwort glasklar: Humor schafft Abstand und ist für mich ganz wichtig bei der Auseinandersetzung mit dem Schrecken. Dazu ein Tipp von mir: Hagen Rether ist für mich ein Meister der Kunst, uns mit Ironie und Witz den Spiegel vor zuhalten. Guckt mal bei YouTube, ich finde, es lohnt sich!

Abends war ich ziemlich müde. Ist man als Rentnerin ja nicht mehr gewohnt, diese Lernerei! Meine Nachbarin konnte mich aber zum Glück  überreden im Kino den Film „Ein Mann namens Ove“ anzusehen. Der Film rührte mich sehr und passte sehr gut zu den angeschnittenen Themen des Tages.

Sonntag lernten wir etwas aus der Hirnforschung und beschäftigten uns mit der Frage, ob unsere Gedanken wirklich frei sind oder ob wir nur denken können, was wir schon kennen. Wir sind allerdings in der Lage bekannte Elemente völlig neu zusammenfügen, das ist ja schon mal was. Meine Synapsen sprühten Feuer und kriegten Muskelkater, aber mir fiel tatsächlich nichts ein, was ich denken könnte, was mir völlig unbekannt war und vielleicht noch nie von einem Menschen gedacht wurde.

Nachmittags sahen wir den Film von Luis Bunuel: „Das Gespenst der Freiheit“. Unser Lehrer wollte uns einen Gefallen tun, ich fand es anstrengend. Filme kann ich jederzeit gucken, mit anderen reden aber nicht. Das sahen auch meine MitstreiterInnen so und wahrscheinlich machen wir es das nächste Mal anders.

War ein schönes Wochenende. Ich krönte es mit einem kleinen Ausflug zum See, in dem ich 30 Minuten herum schwamm, mich an der Sonne, den vielen Schwalben und den wenigen Menschen um mich herum erfreute. Ferienstimmung pur!

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23 Gedanken zu “Mein philosophisches Wochenende

    1. Genau so ist es. Es ist so interessant und wohltuend konzentrierte Gespräche zu führen mit Menschen zwischen 40 und 80 und aus ihren unterschiedlichen Lebenserfahrungen zu lernen. Das Lachen und der Spaß sind dabei wichtig, auch wenn jeder von uns Schweres erlebt hat.

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      1. ….ach je…..Vergnügungspark ist auch nicht immer lustig. Alleine das Anstehen und die Angst auf der Achterbahn! Könnte man jetzt philosophisch abhandeln und dann werden aus Sprüchen plötzlich richtig gute Gleichnisse.

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  1. Wenn der Mensch nur Bekanntes denken kann, wie konnte er dann eine Kultur entwickeln? Und Fragen stellen? Und Antworten auf Fragen finden? Oder gar philosophieren?
    Wieso wollen Philosophen nicht verstanden werden?😎
    Hach ja….Fragen über Fragen …Deine gute Stimmung kommt voll rüber!😊

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    1. Natürlich kann der Mensch lernen und dazu lernen und Neues lernen. Sonst wären wir ja noch im Urzustand. Aber er muss etwas kennenlernen, bevor er es denken kann oder so. Eins baut auf das andere auf. Ich kann heute nicht „spanisch“ denken, ich muss erst Spanisch lernen, dann geht´s. Der Mensch kann auch bekannte Dinge in neue Zusammenhänge stellen. Das ist klar. Ich stelle mir das so vor: Ich lebe in einem Haus mit vielen Zimmern, ich kann jederzeit anbauen und umbauen und nach oben bauen. Ich brauche aber das Baumaterial dazu, sonst geht nichts.
      Deine letzte Frage stelle ich auch immer mal wieder. Sie wird von den studierten Philosophen in meinem Kurs gar nicht verstanden. Dafür finden sie Philosophen, wie z.B. Precht, der allgemein verständlich schreibt, ganz schauderhaft. Er würde die Philosophie verwässern, heißt es dann. Ich lese ihn trotzdem mit großem Vergnügen und baue damit immer weiter an. Liebe Grüße an Dich und genieße die Ferien!

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      1. Da ist was dran…..aber bei mir sind immer erst Bilder…und Empfindungen…die Worte leiten mein Denken, aber die passen oft nicht. Wahrscheinlich hat die Sprache auch etwas mit dem Denkvermögen zu tun. Also nach dem was Du schreibst:
        Erst neue Erfahrung, dann neuer Gedanke…..Neue Erfahrung mache ich aber teilweise erst, wenn ich viel darüber nachgedacht habe…..und vor allem Empfindungen lebe…..

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    2. Ja klar, aber das ist ja kein Widerspruch. Du denkst vielleicht neues, aber immer in bekannten Kategorien. Du musst etwas kennen, bevor du dir ein Bild machen kannst. Zumidest die Elemente, aus denen sich ein Bild zusammensetzt, sind bekannt. Wäre toll, wenn Du es anders siehst und mir ein Beispiel dazu bringst.
      So, und jetzt muss ich dem Impuls nachgeben, hier Schluss zu machen und mich endlich anzuziehen. Es ist schon Mittag!Aber immerhin war ich schon auf dem Crossie……

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      1. Ja, die Visionäre haben Altbekanntes „zerschlagen“ und völlig neu zusammengesetzt. Wage ich jetzt einfach mal zu behaupten. Ich kann mir einen Hund vorstellen, mit Flügeln und Sprachvermögen und lila Punkten im Gesicht. Dann habe ich einen geflügelten sprechenden Hund, der seine lila Punkte völlig doof findet…… Aber mir fällt nichts ein, was sich aus Elementen zusammensetzt, die ich nicht kenne.

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  2. Mich würde interessieren, was für Dich jetzt zum Stichwort Hegel hängengeblieben ist. Mir geht’s nämlich auch so, dass ich immr mal wieder einen der großen Philos zur Hand nehme, mich ein bisschen durchbeiße, aber meist nur die Sprache genieße und letztlich nicht wirklich kapiert habe, was die Leute wollen.

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    1. Oh Mensch, da fragst du was! Das kann ich in diesem Rahmen nicht beantworten. Hängen bleiben eigentlich bei mir nur die Beiträge der anderen , z.B. wenn wir uns fragen, was ist Denken, wie funktioniert Denken, was ist das Wesen der Dinge, was ist das Wahre. Die Texte insbesondere von Hegel erschließen sich mir nicht. Ich käme nie auf die Idee, mir den Originaltext vorzunehmen. Ich lese nichts, was ich nicht verstehe. Das ärgert mich dann auch. Precht z.B. kann die Philosophen wunderbar verständlich machen und sie in geschichtlichen Zusammenhang stellen. Ich kann natürlich nicht prüfen, ob er alles richtig verstanden hat, aber das ist mir dann auch egal.

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    2. An der Stelle kann ich übrigens beruhigend einklinken: Auch wenn ich mir mein Profilbild mit dem alten Georg Friedrich Wilhelm teile und seine Disziplin studiert habe … Verstanden hab ich das bis heute auch nicht. Und das ist in dem Fall nicht einmal untertrieben. Gedanken gemacht, ja. Aber verstanden? Immer nur dann, wenn ich „über Hegel“ gelesen habe.

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      1. Na, das beruhigt ungemein! Ich habe natürlich nicht den Anspruch, in einem Volkshochschulkurs wirklich so weit vorzudringen. Das Annähern an einige Gedankengänge fordert mich schon genug. Manchmal wird mir ganz schwindelig vor lauter Konzentration….Bei uns ist Einer (78), der liest und liest und studiert und ist so begeistert davon. Den verstehe ich auch oft nicht, wenn er mal loslegt. Das findet er dann ziemlich lustig.

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      2. Ja, das stimmt. Darum gehe ich so gerne in diese Gruppe und habe mich gerade für das nächste Semester wieder angemeldet. Ich vermute, die Nachfragen werden niemals ausgehen. Das ist wohl das wahre Wesen der Philosophie.

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